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04.05.2020

Henri-Nannen-Preis

Rezo, jetzt gilt's

Preisträger Rezo. Foto: stern.de

Youtuber Rezo hat für sein Video "Die Zerstörung der CDU" den "Journalismus Oscar" für das beste Web-Projekt, den nach dem "Stern"-Gründer benannten Henri-Nannen-Preis, gewonnen. Eine Wahl, die nachvollziehbar ist. Mit dem Video, in dem er mit der CDU-Politik hart ins Gericht geht, hat er eine außerordentlich hohe Aufmerksamkeit erhalten. Rezo hat mit seinem Format ein Politik-Thema in eine junge Zielgruppe getragen, traf deren Ton und löste eine Debatte aus. Das ist für sich genommen eine anerkennenswerte Leistung, an der viele altgediente Journalisten, Sender und Verlage bislang gescheitert sind.

Rezo selbst gilt dabei auch als Journalismus-Kritiker, sagte 2019 "Journalisten sind teilweise so dumm", weil er sich des öfteren falsch wiedergegeben gefühlt hat. Auch in diesem Video ging er vor, wie er das meist in seinen Beiträgen macht, führte fleißig gesammelte Einzelbelege an und stellte diese auf unterhaltsame Weise seinem Publikum vor, mit teilweise derber Wortwahl. Auch mit dem Deutschen Journalisten-Verband gab es nach dieser Aussage Streit um die Frage, ob Journalisten nun beleidigt worden sind oder nicht - man kam ins Gespräch, erkannte, dass es Differenzen gab, in Ausdrucksweise, Wortwahl, Inhalt und Arbeitsweise. Man sprach, Schwamm drüber, soweit, so gut. Jeder schießt bei seiner Arbeit mal über das Ziel hinaus.

Hier "die Journalisten", da "die YouTuber", Blogger, Podcaster - diese Aufteilung ist überkommen. Wer sich darüber aufregt, das jemand mit blau gefärbten Haaren einen der wichtigsten Journalistenpreise gewinnt, weil er mit frecher Wortwahl sich mit mächtigen Institutionen anlegt, sollte selber merken, dass er sich mehr über Form denn Inhalt aufregt. Gerade die jugendliche und freche authentische Form ist es, mit der Rezo jüngere Zielgruppen erreicht. Über den Inhalt derweil lässt sich streiten - und muss gestritten werden. Die Auszeichnung als Prädikatsjournalist sei Rezo nur all zu sehr gegönnt, er sei "derbe stolz", sagt er selbst, nun selbst offiziell zu dem von ihm gerügten Kreis zu gehören.

Mit der Zeit Online-Kolumne und spätestens mit dem Henri-Nannen-Preis hat Rezo die höheren Weihen der deutschen journalistischen Zunft erhalten. Spätestens ab jetzt gelten für ihn die hohen journalistischen Standards. Die Transformation vom spaßigen YouTuber zur ernst zu nehmenden Medienmarke hat er längst vollzogen. Er scheut sich noch, sich selbst als Journalist zu sehen. Für die Öffentlichkeit und die Jury spielt er längst in ihrer Liga. Sonst hätte es einen so renommierten Preis für ihn nicht gegeben. Wenn Rezo es schafft, künftig den hohen journalistischen Standards, an denen er sich nun messen lassen muss, zu genügen, stehen ihm unglaubliche Möglichkeiten offen. Einen Weg hinter das erreichte Niveau und die Standards zurück gibt es wohl nicht, denn es würde seine Reputation und damit seine Marke beschädigen.

Herzlich Glückwunsch also, Rezo. Doch jetzt stehst du auch in der Pflicht. Mit der Auszeichnung ist Verantwortung verbunden. Es geht ab jetzt nicht mehr alleine nur noch um mehr Aufmerksamkeit. Jetzt, wo du dich offiziell als Journalist hast ehren lassen, wirst du dich auch offiziell an journalistischen Standards messen lassen müssen. Nein, damit ist nicht gemeint, eine Krawatte zu tragen, Haare zu schneiden oder weniger derbe Worte zu wählen – im Gegenteil. Guter Journalismus muss zwangsläufig authentisch sein, da können viele von dir lernen.

Was bedeuten aber diese Standards, wie ändern sie sich, wie müssen sie sich ändern? Wir laden dich ein, gemeinsam im Deutschen Journalisten-Verband dieser Verantwortung gerecht zu werden und dich einzubringen, den Journalismus in Deutschland nach vorne zu bringen. Wir können gemeinsam eine strukturierte Debatte über die Zukunft des Journalismus führen, in der die Meinung von Medienmachern wie dir, aber auch von vielen anderen, die auf YouTube und anderen Plattformen als Kreative Inhalte produzieren, nicht nur herzlich willkommen, sondern auch nötig ist. Denn wir glauben, darin sind wir uns alle jetzt schon einig: Es braucht mehr denn je guten Journalismus in diesem Land und starke Strukturen, die ihm Rückenwind geben.

 

Ein Kommentar von Mika Beuster und Philipp Blanke